Pekiti-Tirsia Kali Karlsruhe

"... lege ich Wert darauf keinen Kampfsport zu unterrichten. Sondern eine Kampfkunst oder besser noch eine Lebenskunst. Verstand, Mitgefühl und Stärke (äußere und innere) sollen ins Gleichgewicht. Wir wollen Lösungen und nicht Teil des Problems werden ...", Tuhon Uli Weidle

Pekiti-Tirsia Kali

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Rund ums Messer: Trainingsmethoden und Waffen des Pekiti Tirsia Systems

Ein zentrales Element des Pekiti Tirsia Systems ist das Training mit und gegen das Messer. Ein sinnvolles Messertraining, wie es im Pekiti Tirsia praktiziert wird, entwickelt und verknüpft alle für einen geschickten Kämpfer essentiellen Eigenschaften: körperliche Fitness, Entscheidungskraft, Entschlossenheit, Mut, Selbstvertrauen, die Einsicht für die Notwendigkeit und die Aufrechterhaltung von "Situational Awareness", sowie strategisch-taktisches Handeln.

Nicht nur im Pekiti Tirsia, auch in einigen anderen philippinischen Kampfkünsten und auch in anderen Kulturen wurde die Bedeutung des Messers erkannt. Zum Beispiel war für Col. Rex Applegate die Klinge der 'Confidence-Builder' schlechthin. Er riet OSS Agenten immer ein Messer (oder einen unverfänglichen Gegenstand, der wie ein Messer eingesetzt werden kann) bei sich zu führen.

Das Training mit dem Messer ist im Pekiti Tirsia ein wichtiges Element: Wäre es überhaupt möglich, das Pekiti Tirsia sinnvoll auf eine einzelne Waffenkategorie zu reduzieren, dann müsste diese das Messer sein. Messertraining allein ist aber nicht komplett, für sinnvolles Training bedarf es mehr...

Sinnvolles Training mit Waffen, die im Training spezifische Schwerpunkte setzen

Das Leistungsvermögen eines Kämpfers – seine Form – wird durch verschiedene Eigenschaften bestimmt, die gezielt trainiert werden können. Ebenso wie ein gut ausgebildeter Fitness-Trainer schnell die körperlichen Stärken und Schwächen eines Sportlers findet, und dann spezifische Übungen an entsprechenden Geräten anordnet, so erkennt ein erfahrener Kampfkunstlehrer schnell, welche spezifischen Defizite und Stärken eine Person hat, und welche Übungsmethoden in diesem Fall die besten Ergebnisse bringen.

Für die flexible Gestaltung eines optimierten Trainings werden die vielfältigen Körperübungen im Pekiti Tirsia bereits im Basistraining durch eine umfangreiche Sammlung an spezifischen Übungsgeräten ergänzt:

Die Fünf Waffenkategorien des Pekiti Tirsia Basistraining.

1) Einzelwaffe: Stöcke und Schwerter verschiedener Länge und Gewicht. Typisch für das Basistraining ist der armlange "Kali-Stock" als Schlagwaffe (Impact-Weapon) oder das gleichlange philippinische Kurzschwert (Edged Weapon, Talibong, Ginunting). Auch der Speer (Malayu Sibat) ist typischer Teil dieser Kategorie.

2) Symmetrische Doppelwaffen: Doppelstock, Doppelklinge

3) Lang– und Kurzwaffe: Schwert und Messer (Espada y Daga), Stock und Messer

4) Körperwaffen: Hände, Unterarme, Ellbogen, Schultern, Knie, Schienbeine, Füße,... (siehe auch unseren Artikel: Offene Hände des Pekiti Tirsia)

5) Messer

Im Pekiti Tirsia werden Stöcke, Schwerter und Messer unterschiedlicher Länge, Gewicht und Form eingesetzt, so dass der Trainierende ein intuitives Verständnis für verschiedene Waffen- und Bewegungsformen entwickelt. Diese Vielfalt gilt auch für die Kleidung. Enge Kleidung oder schwere Schuhe zum Beispiel können die dynamische Ausführung von Tritten deutlich verändern.

Rund ums Messer

Das Messer ist im Pekiti Tirsia wegen seiner speziellen Bedeutung als Extrakategorie aufgeführt. Als Doppelmesser oder als Einzelmesser (oder nach dem Pekiti Tirsia Verständnis: Messer und Hand, denn die freie Hand bleibt nicht ungenutzt, sondern unterstützt das Messer bei jeder Aktion) verbindet es die Charakteristika der anderen vier genannten Kategorien. In der Tat ist es so, dass die vier anderen Kategorien jeweils einen wichtigen Aspekt des Kampfes mit bzw. gegen Messer betonen und verdeutlichen; genau deswegen wurden diese fünf Waffenkategorien für den funktionalen Kern des Pekiti Tirsia Basissystems ausgewählt: Quasi als erweiternder Rahmen um den Messerkampf herum ergänzen die Kategorien 1) bis 4) das Messertraining optimal.

Werden die Fünf Waffenkategorien wie im Pekiti Tirsia Basistraining als komplettes System gebraucht, dann erlauben sie nicht nur, sondern sie garantieren geradezu, dass die Methoden und Strategien der Selbstverteidiung und des Nahkampfes gezielt und unter Setzung sinnvoller Schwerpunkte trainiert und verstanden werden.

"SPEAR and STPAP" oder: Was muss trainiert werden?


Der Pekiti Tirsia Stilbewahrer Grand Tuhon Leo T. Gaje fasst die wesentlichen fünf körperlichen Qualitäten eines Kämpfers unter dem Kürzel "STPAP" zusammen: Speed (Tempo), Timing (Zeitliche Abstimmung), Power (Energiefreisetzung), Accuracy (Angemessenheit, Balance) und Precision (Präzision).

Diese und andere körperlichen Eigenschaften basieren auf den geistigen Eigenschaften Spirit & Heart: Entscheidungs­kraft, Entschlossen­heit, Mut, Einfühlungs­vermögen, Konsequenz und Selbst­vertrauen. In einer realen Situation, sei es eine körperliche Auseinander­setzung oder eine Extrem­situation anderer Art, sind es diese geistigen Eigenschaften, welche maßgeblich bestimmen, inwieweit vorhandene körperliche Fähigkeiten in der konkreten Situation tatsächlich ungehindert und wirkungsvoll zum Einsatz kommen. In ihrer Gesamtheit sind Spirit und Heart quasi das tragende Fundament für die konkrete Realisierung der körperlichen Fähigkeiten einer Person.

"The SPEAR composed from SPirit+hEARt transforms to STPAP" bedeutet ins Deutsche übersetzt: „Der Speer (SPEAR) zusammengesetzt aus Geist (SPirit) und Herz (hEARt) transformiert nach STPAP”. Dies ist eine wichtige Erkenntnis aus den zeitlosen Erfahrungen vieler Generationen von Trainern. Entsprechend ist Pekiti Tirsia ein Trainingssystem, das ganzheitlich auf den gesamten Menschen wirkt, und den Trainierenden hilft, die gewünschten körperlichen Fertigkeiten harmonisch und gestützt durch eine in Spirit und Heart gereifte Persönlichkeit zu entwickeln.

Vollständig & Beschleunigt, denn »gut« ist nicht gut genug!

Pekiti Tirsia ist ein vollständiges Trainingssystem, das den Trainierenden in allen maßgeblichen Eigenschaften entwickelt; In den technischen Fertigkeiten und den körperlichen Attributen ebenso wie in den Eigenschaften von Herz und Geist. Das messerorientierte Training beschleunigt diesen Prozess: Im Hinblick auf die besondere Dynamik, Gefährlichkeit und Brutalität eines Messerkampfes, wird deutlich, dass bei einem Messerkampf alle wesentlichen Qualitäten eines Kämpfers in einer Schärfe gefordert werden, wie sie anderswo kaum gekannt wird. In der Konfrontation mit einem Messer ist »gut« nicht gut genug; entsprechend werden in einem ernstzunehmendem Messersystem wie dem Pekiti Tirsia bereits im Vorfeld alle für einen erfolgreichen Kämpfer gebrauchten Eigenschaften so intensiv und schnell wie irgend möglich entwickelt. Dies ist der eigentliche Grund (wichtiger noch als Tradition oder kulturelle Gründe) warum das Messertraining im Pekiti Tirsia eine solch zentrale Position einnimmt: Messertraining ist der ideale Lernbeschleuniger.

Pekiti Tirsia Trainer kennen nicht nur die Vorteile des Messertrainings. Sie wissen auch, dass reines Messertraining Gefahren für die Entwicklung eines Kämpfers bergen kann. So findet sich bei den "Technikern" (hier im Gegensatz zu "Praktikern") unter den Messerkämpfern häufig das Vertrauen und sich Verlassen auf die Schärfe der Klinge. Nicht zuletzt durch effekthascherische Lehrvideos hat sich in der FMA– und Messerkampfszene in den letzten Jahren der Glaube an den 'One-Cut Kill' – oft propagiert mit der Verheißung des 'Instant-Shock' – breit gemacht. Ein gefährlicher Irr–Glaube, der in der Tat mehr noch als der aus verschiedenen Budo-Sportarten bekannte Glaube an den sicheren 'One Punch Kill' ein tödlicher Irrtum sein kann.

Hier liegt ein entscheidender Unterschied zwischen einem "Showman" (ein "technisch beeindruckender Messerkünstler") und einem wirklich hocheffektiven Messerkämpfer: Letzterer ist ein Praktiker, der ein Messer ohne es hochzustilisieren wie ein Werkzeug benutzt, um erfolgreich zu sein und zu überleben. Er weis um den Unterschied zwischen töten und stoppen sowie zwischen verletzen und überleben. Ein trainierter Kämpfer mit Weisheit, Herz und Verstand – im Pekiti Tirsia reden wir von einem "Krieger".

Knife Culture – Erfahrung und Tradition

Weil Pekiti Tirsia in der Vergangenheit und auch in der Gegenwart ständig in realen Nahkampfsituationen getestet und überprüft wurde und wird (siehe zum Beispiel unseren Artikel "Pekiti Tirsia und das Militär") ist die Gefahr, die aus dem 'One-Cut Kill'–Denken entsteht, im Pekiti Tirsia bekannt. Eine der wichtigsten Lektionen, die ein Pekiti Tirsia Anfänger lernt, ist den Unterschied zu erkennen zwischen verletzen, töten, stoppen und überleben, und diesen auch wirklich zu verstehen. Er erlebt dabei die lebensbejahende Knife-Culture der alten Filipinos, die im krassen Gegensatz steht zu dem lebensvernichtenden Fast-Food Messertraining, das heutzutage, im Kontext vom sportlichen Sparring und Wettkampf, so häufig propagiert wird. Ein "sportlicher" reglementierter Duellkampf bis zum ersten Blut ist in jeder Hinsicht etwas ganz anderes als eine Ernstsituaton auf Gedeih oder Verderb.

Beim Vermitteln und Erleben der Knife-Culture gilt wie immer, wenn es um Praxis geht: Erfahrung schlägt Wissen. Soll die Balance der Knife-Culture erfahren werden, muss sie erlebt werden und im praktischen Training verankert sein. Ist das Training jedoch nur einseitig, kann das Wissen um die Balance nur erlerntes Wissen und keine Erfahrung sein. Wie Grand Tuhon zu sagen pflegt: "First you know, then you understand." Die Übenden müssen Erfahrung sammeln und buchstäblich begreifen, bevor sie wirklich verstehen können. Von erfahrenen Pekiti Tirsia Trainern wird deswegen die Balance zur Schärfe des Messers durch das Training der Schlagwaffen (Impact-Weapons: Stock und Körperwaffen) hergestellt.

Nur durch die richtige Kombination der Übungsmethoden kann die Balance des Ergebnisses sichergestellt werden. Oder wie Grandtuhon zu sagen pflegt: Das Geheimnis liegt nicht in der Technik, sondern darin, wie diese dem Schüler vermittelt wird. ("The secret is not the technique, but how the technique is given to the student.")

Spezifische Wirkungen von Waffentraining: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile

So wie das Training mit Stock und Körperwaffen das Messertraining wie in den vorigen Abschnitten beschrieben sinnvoll ergänzen, so bilden alle Waffenkategorien des Pekiti Tirsia ein verflochtenes System, das sich gegenseitig ergänzt, und das in seiner wechselwirkenden Gesamtheit mehr ist als die einfache Summe seiner Teile.

Dabei ist für die Wirkung des Synergieeffektes entscheidend, dass die Waffenkategorien nicht als eine willkürliche Mischung und Ansammlung von Techniken trainiert werden, sondern auf eine Weise, bei der Bewegungsmuster, Krafterzeugungsmechanismen und Handlungsprinzipien mehrfach, idealerweise sogar in allen Bereichen deckungsgleich oder ähnlich wiederverwendet werden.

Diese Mehrfachverwendung ist nicht nur praktisch für das Training, sie ist auch wichtig für die Handhabung realer Situationen. Denn tatsächlich sind die Übergänge zwischen Impact (Stock) und Klinge (Messer) fließend. So kann ein Stock scharfkantig sein (Vierkantholz, Flat-Stick) und ein Messer kann unter Verzicht der Schneidwirkung als stumpfe Waffe (geschlossener Folder) eingesetzt werden. Beim Gebrauch des Teleskopstockes z.B. verändert sich die Länge der Waffe unter Umständen während des Kampfes. Wenn das Training einen Kämpfer in die Lage versetzen soll, mit der Vielfalt der möglichen Situationen verantwortlich und erfolgreich umzugehen, dann muss das Training ihn auch darauf vorbereiten.

Hier ein Überblick über die Waffenkategorien des Pekiti Tirsia Kernsystems und welche Qualitäten sie primär erzeugen können:
•      Einzelstock / Einzelwaffe: Fokus, Energieerzeugung, Distanzkontrolle, Timing.
•      Symmetrische Doppelwaffen: Symmetrie, Anpassungsfähigkeit und Spontaneität, Mut, Koordination und Präzision.
•      Lang– und Kurzwaffe (Espada y Daga): Secondary Awareness (Mehrschichtige Aufmerksamkeit), Überbrückung und Verbindung von Distanzen, Vorbereitung.
•      Messer: Survivor-Denken, Explosivität, PFPS, taktisches Positionieren im Nahbereich, Aufmerksamkeit, Respekt.
•      Körperwaffen: Selbstvertrauen, Unabhängigkeit.

Diese fünf Waffenkategorien des Pekiti Tirsia bilden ein kompaktes und zugleich umfassendes Übungssystem, das ganzheitlich in dem zuvor beschriebenen Sinne ist. Dabei sind die Methoden des Pekiti Tirsia Basistraining speziell so gewählt, dass die Mehrfachverwendung und Übertragung der Konzepte, Krafterzeugungs- und Bewegungsmuster mühelos möglich ist. Eine Trainingsmethode und Waffenkategorie unterstützt und verbessert die andere. Sie wirken als System harmonisch im Einklang.

Über diesen Kern des Systems hinaus gibt es weitere Waffenkategorien, die in gekapselten Modulen zur Verfügung stehen und als solche eigenständig oder als Ergänzung zum Kernsystem unterrichtet werden können. Diese Module bieten zum Beispiel die Möglichkeit zur Spezialisierung auf verschiedene Arten von Schwertern, Kurzstock, Langstock (Sibat), Teleskopstock, Schild, flexible Waffen und moderne Waffen wie beispielsweise Handschellen, Sprühwaffen, Pistolen, Elektroschocker oder praktische Kombinationen aus Lang- und Kurzwaffen, wie z.Bsp. Licht und Messer, Pfefferspray und Schlagstock, Handschelle und Teleskopstock,...

Die Klasse des Pekiti Tirsia Kernsystems zeigt sich darin, dass eine Person, die ausreichend Erfahrungen im Pekiti Tirsia gesammelt hat, in kürzester Zeit in der Lage ist, seine Erfahrungen zu adaptieren und mit jeder Art von den oben genannten Waffen wirkungsvoll umzugehen. Eine Fähigkeit, mit der Grand Tuhon schon viele Menschen verblüfft hat.

Doch die eigentliche Bedeutung des Kernsystems zeigt sich wenn immer wieder beobachtet werden kann, wie Menschen, die nach der Pekiti Tirsia Methode trainieren, sich wandeln und im Verlauf des Trainingsprozesses nicht nur die körperlichen Fähigkeiten zum Selbstschutz, sondern auch eine positive Lebenseinstellung und in der Konsequenz, Zuversicht, Entschlusskraft und Selbstvertrauen entwickeln.

Schlußwort

Eine Verteidigungskunst muss auf die Vielfalt der wahrscheinlichen Bedrohungen vorbereiten. Eine Lebenskunst soll die Qualitäten fördern, die für Erfolg und Gesundheit im Leben hilfreich sind. Pekiti Tirsia ist beides. Verteidigungskunst und Lebenskunst. Risikobewusstsein, Selbstvertrauen, Zuversicht und Vorsicht müssen in der Balance gehalten werden. Dies ist die Aufgabe des Pekiti Tirsia Trainers. Sein wichtigstes Werkzeug sind die Fünf Waffenkategorien des Pekiti Tirsia.

Autor: Uli Weidle
Manila, 31. Juli 2004